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Die Chemie im Kopf regulieren
Ein wichtiger Baustein in der Therapie psychischer Erkrankungen ist die psychopharmakologische Behandlung. Als Psychopharmaka werden Medikamente bezeichnet, die krankhafte Veränderungen des Erlebens und Verhaltens beeinflussen und daher zur Behandlung psychischer Störungen eingesetzt werden.
Univ.-Prof.
Dr. Gerald Zernig
Psychiatrische Universitätsklinik
Bereich Experimentelle Psychiatrie
Anichstraße. 35, A-6020 Innsbruck
Tel.: +43.512.504-23711
E-Mail: Gerald.Zernig@uibk.ac.at
www.uibk.ac.at/psychiatrie
Welche Medikamentengruppen kommen bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen zum Einsatz?
Ein wichtiger Baustein in der Therapie psychischer Erkrankungen ist die psychopharmakologische Behandlung. Als Psychopharmaka werden Medikamente bezeichnet, die krankhafte Veränderungen des Erlebens und Verhaltens beeinflussen und daher zur Behandlung psychischer Störungen eingesetzt werden. So genannte psychotrope Pflanzenheilmittel sind so alt wie die Menschheit. Schon die alten Ägypter nutzten rund 80 Heilpflanzen. Die noch heute in Verwendung stehenden Psychopharmaka wurden Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt. Dank intensiver Forschung und durch klinische Studien, die nach strengen Regeln die Wirksamkeit der Medikamente nachweisen müssen (sog. „randomisierte klinische Studien“), ist es gelungen, diese Medikamente laufend zu verbessern. Im Speziellen bedeutet dies, deren gewünschte Wirkung zu optimieren und dabei unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW, die so genannten „Nebenwirkungen“) möglichst gering zu halten. Psychopharmaka beseitigen natürlich nicht die Krankheit. Aber sie können helfen, die quälenden Beschwerden zum Verschwinden zu bringen oder zu lindern.
Je nach Wirkungsweise und den speziellen Einsatzgebieten bei verschiedenen Arten psychischer Störungen lassen sich die Psychopharmaka in Gruppen einteilen:
Neuroleptika (Antipsychotika) sind Psychopharmaka mit antipsychotischer, beruhigender und psychomotorisch dämpfender Wirkung. Übersetzt bedeutet der Begriff Neuroleptika in etwa: „das die Nerven Beruhigende“. Symptome wie Halluzinationen, Wahnvorstellungen oder Denkstörungen werden mithilfe von Neuroleptika positiv beeinflusst. Interessanterweise haben sich einige der neueren Antipsychotika auch als wirksam bei der Behandlung der manisch-depressiven Erkrankung erwiesen.
Antidepressiva sind chemisch unterschiedliche Medikamente, die überwiegend bei Depressionen zur Anwendung kommen. Sie wirken in erster Linie stimmungsaufhellend und antriebssteigernd oder aber auch dämpfend. Man unterteilt sie grob in drei Gruppen: herkömmliche Antidepressiva (trizyklische Antidepressiva, tetrazyklische Antidepressiva), selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und Monoaminooxidasehemmer (MAOI). Es gibt auch eine Vielzahl anderer moderner Antidepressiva, die in den Stoffwechsel anderer Botenstoffe eingreifen.
Als „natürliches“ Antidepressivum wenden Menschen, die an Depressionen leiden, häufig Johanniskraut an. Johanniskraut ist als Tee oder in Tablettenform rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Leider kann Johanniskraut den Abbau von anderen Wirkstoffen – z.B. Verhütungsmittel („Pille“), andere Antidepressiva etc. – ungünstig beeinflussen. Wenn Sie sich daher dafür entschieden haben, Johanniskraut zu verwenden und gleichzeitig andere Medikamente einnehmen, sollten Sie unbedingt Ihren Arzt darüber informieren, damit er die Dosis der anderen Medikamente entsprechend anpassen kann.
Tranquilizer sind Beruhigungsmittel mit angstlösender, dämpfender, ermüdender, muskelentspannender und krampflösender Wirkung. Sie wirken bewusstseins- oder gefühlsmindernd und können so mehr Gelassenheit in belastenden Situationen ermöglichen. Zu den Tranquilizern gehört die Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine.
Lithium wird als Stimmungsstabilisierer in der Langzeitbehandlung der manisch-depressiven Erkrankung eingesetzt.
Wie funktionieren diese Medikamente?
Psychopharmaka sind Arzneimittel mit Wirkung auf das zentrale Nervensystem (also das Gehirn) und damit das Seelenleben. Das Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen, die untereinander über verschiedene Signalstoffe (Neurotransmitter) kommunizieren. Diese Substanzen, die Signale von einer Nervenzelle zur anderen übertragen, stehen im gesunden Gehirn zueinander in einem bestimmten Gleichgewicht. Bei psychischen Erkrankungen ist dieses Gleichgewicht der Botenstoffe gestört, sodass manche Substanzen in geringerer Konzentration an den Nervenendigungen vorliegen. Psychopharmaka regulieren den Neurotransmitterhaushalt und bringen das sensible Gleichgewicht an Botenstoffen (die bekanntesten sind hier Dopamin, Noradrenalin und Serotonin) wieder ins Gleichgewicht.
Welche verschiedenen Wirkprinzipien bei Antidepressiva gibt es?
Biologisch gesehen ist bei einer Depression der Stoffwechsel des Gehirns gestört. Aufgabe der Antidepressiva ist es nun, das Ungleichgewicht an Botenstoffen (Transmittern) im Gehirn zu regulieren. Untersuchungen zeigen, dass bei Menschen mit Depressionen der Spiegel der Überträgersubstanzen Serotonin und/oder Noradrenalin im Vergleich zu Gesunden niedriger ist. Dieses Defizit macht sich durch Depressionen oder auch Angstzustände bemerkbar. Antidepressiva beeinflussen das Neurotransmittersystem. Die Konzentration der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin wird gezielt erhöht, wodurch die Nervensignale wieder besser weitergeleitet werden. Die Medikamente wirken allerdings nicht sofort nach der ersten Einnahme, sondern mit zeitlicher Verzögerung. Das heißt, die erwünschte Wirkung kann nach einer Woche eintreten, es kann aber auch bis zu vier Wochen dauern, bis sich der psychische Zustand des Patienten bessert.
Zu den wichtigsten Antidepressiva zählen folgende Substanzgruppen:
SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) blockieren das Transportmolekül, das den Botenstoff Serotonin wieder in seine Speicher zurückbefördert. Auf diese Weise wird die Wiederaufnahme von Serotonin in die Nervenzellen verhindert und die Konzentration des Botenstoffes im Gehirn erhöht. Damit wirken diese Medikamente vor allem aktivierend, stimmungsaufhellend und angstlösend, bei manchen Patienten aber auch dämpfend. Geeignet sind sie bei allen Formen der Depression (auch schweren Depressionen) und gegen Ängste im Umgang mit vielen Menschen (Soziophobie). SSRI machen in den meisten Fällen kaum müde und wirken nur wenig appetitsteigernd.
Eine Weiterentwicklung der SSRI ist die neue Substanzklasse ASRI (Allosterischer Serotonin-Wiederaufnahmehemmer). Dieses Medikament mit dem Wirkstoff Escitalopram wirkt noch spezifischer auf den Serotoninhaushalt und ist daher besonders rasch wirksam.
SNRI (Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) beeinflussen die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin. Als Beispiel ist hier die Substanz Venlafaxin zu nennen. Diese steuert den neuronalen Schaltkreis von Noradrenalin und Serotonin und hemmt die Wiederaufnahme dieser beiden wichtigen Botenstoffe im Gehirn.
NARI (Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) verhindern gezielt die Wiederaufnahme des Botenstoffes Noradrenalin in die Nervenzellen.
Es gibt noch weitere Antidepressiva, die andere Neurotransmittersysteme beeinflussen.
Können Psychopharmaka abhängig machen?
Neuroleptika und Antidepressiva machen nicht abhängig (süchtig). Es gibt unter den Psychopharmaka jedoch Medikamentengruppen, die süchtig machen können. Ein gewisses Abhängigkeitsrisiko (= Suchtrisiko) haben Tranquilizer und Schlafmittel. Beim Absetzen solcher Medikamente können genau jene Symptome verstärkt auftreten, gegen die diese Medikamente ursprünglich angewendet wurden. Tranquilizer wirken nicht antidepressiv und werden daher nur in Krisensituationen zur Minderung von Ängsten und nur zu Beginn der antidepressiven Therapie begleitend eingesetzt.
Darf ich Psychopharmaka nach eigenem Ermessen absetzen, wenn es mir zum Beispiel besser geht?
Wie erwähnt, machen Neuroleptika und Antidepressiva nicht abhängig. Dennoch darf man die vom Arzt verschriebenen Medikamente auf keinen Fall schlagartig absetzen. Auch für Tranquilizer und Schlafmittel gilt, diese Präparate keinesfalls ohne ärztliche Rücksprache abzusetzen. Dann treten nämlich so genannte Absetzerscheinungen auf. Diese äußern sich durch innere Unruhe und Spannung, Reizbarkeit, Missgestimmtheit, Angstzustände, Kraftlosigkeit, Schweißausbrüche, Appetitverlust, Übelkeit, Brechreiz, Erbrechen, Magen-Darm-Krämpfe, Durchfall, Schlafstörungen oder lebhafte bis ängstigende Traumbilder, Kopf- und Muskelschmerzen, Schwindel, Gefühl des Zerschlagenseins sowie Bewegungsstörungen.
Darf man verschiedene Antidepressiva miteinander kombinieren?
Es kann manchmal sinnvoll sein, Antidepressiva aus unterschiedlichen Substanzgruppen, die sich dadurch in ihrem neurobiologischen Profil unterscheiden, miteinander zu kombinieren. Dies sollte aber erst geschehen, wenn das therapeutische Potenzial eines Medikamentes voll ausgeschöpft wurde, d.h. wenn die Dosierung des Antidepressivums, für das sich Ihr Arzt/Ihre Ärztin entschieden hat, ausreichend erhöht wurde, ohne dass sich der gewünschte Effekt einstellt.
Was tun, wenn ich das Gefühl habe, dass mein Antidepressivum keine Wirkung zeigt?
Der Erfahrung nach neigen Österreichs Ärzte speziell bei der Behandlung der Depression dazu, Medikamente zu niedrig zu dosieren. Patienten, die nicht ausreichend auf das Medikament ansprechen, die Wirkung also zu gering ist, sollten umgehend mit dem behandelnden Arzt Rücksprache halten. Dieser kann dann das Antidepressivum entsprechend aktiv erhöhen, um dessen therapeutisches Potenzial voll auszuschöpfen. Empfehlenswert ist, die Dosiserhöhung in einem möglichst frühen Stadium vorzunehmen. Vermieden wird dadurch, im Glauben, das Medikament wirke nicht, verfrüht auf ein anderes Präparat umzusteigen. Durch einen vielleicht sogar mehrmaligen Wechsel des Präparates kann wichtige Zeit im Heilungsprozess verloren gehen.
Was sind Arzneimittelwechselwirkungen?
Wenn sich zwei Medikamente gegenseitig beeinflussen, dann spricht man von Wechselwirkung oder auch Medikamenteninteraktion. Die Medikamente können ihre Wirkungen oder Nebenwirkungen gegenseitig verstärken, aber auch abschwächen. Beispiel: Falls Sie sich entschieden haben, ergänzend zur medikamentösen Therapie Johanniskraut anzuwenden, kann dies andere Medikamente, die Sie gleichzeitig einnehmen, negativ beeinflussen – die Wirkung dieser Medikamente (z.B. von ärztlich verschriebenen Antidepressiva oder auch der Pille) kann abgeschwächt werden. Besprechen Sie daher bitte die Einnahme von Johanniskrautpräparaten mit Ihrem Arzt!
Warum kann das gleiche Präparat bei verschiedenen Patienten unterschiedlich wirken?
Medikamente können bei jedem Menschen anders wirken. Diese unterschiedliche Reaktion auf Medikamente lässt sich auf die Verarbeitung des Medikamentes im Körper zurückführen: Das Medikament kann unterschiedlich aufgenommen, im Körper verteilt und vor allem durch die Leber unterschiedlich inaktiviert (verstoffwechselt, metabolisiert) werden. Allein die Geschwindigkeit, mit der ein Medikament ausgeschieden wird, ist von Patient zu Patient verschieden und kann sich bis um das 24-Fache unterscheiden. Erklärt ist damit auch, warum manche Patienten höhere Dosen brauchen als andere. Es gibt jedoch die Möglichkeit, die optimale Einstellung durch Messung des Medikamentenspiegels im Blut zu unterstützen. Diese Messung wird auch „Therapeutisches Drug Monitoring“ genannt. Informationen dazu sind unter www.plasmaspiegel.at erhältlich.
Ist bei der medikamentösen Behandlung von Depressionen eine begleitende psychotherapeutische Behandlung sinnvoll?
Bei der Behandlung von Depression, vor allem mit leichter bis mittelschwerer Ausprägung, hat sich eine begleitende Psychotherapie als äußerst sinnvoll erwiesen. Denn Depression ist eine Krankheit mit zwei Seiten – neben der neurobiologischen Komponente gibt es eben auch eine psychosoziale Seite. Der Patient lernt in der Therapie, wie er mit Belastungen umgehen kann. Es ist zu erwarten, dass die Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Therapie zusätzlichen Nutzen für den Patienten bringt.
Darf ich während der medikamentösen Behandlung mit Psychopharmaka Alkohol trinken?
Patienten sollten beachten, dass Alkohol den dämpfenden Effekt vieler Psychopharmaka verstärken kann. Die durch Psychopharmaka möglicherweise beeinträchtigte Verkehrstüchtigkeit wird bei Alkoholgenuss zusätzlich herabgesetzt. Besprechen Sie dies bitte mit Ihrem Arzt!
Verändern Medikamente, die bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen zum Einsatz kommen, die Persönlichkeit?
Viele Betroffene befürchten, Psychopharmaka führten zum Verlust der Selbstkontrolle und raubten die Persönlichkeit. Diese Angst ist verständlich, jedoch völlig unbegründet. Vielmehr tritt das Gegenteil ein: Psychopharmaka unterstützen gesunde Persönlichkeitsanteile und bessern krankheitsbedingte Störungen des Erlebens und Verhaltens. Psychopharmaka dienen also zu einem großen Teil dazu, die Kontrolle über das eigene Erleben und Handeln wiederzugewinnen. Betroffene berichten darüber, sich nach Einnahme der Medikamente wieder „wie sie selbst“ zu fühlen, als Persönlichkeit, die man eigentlich ist. Mithilfe von Psychopharmaka haben Erkrankte die Möglichkeit, aus der krankheitsbedingten sozialen Isolation zurückzukehren und wieder an gesellschaftlichen Aktivitäten teilzunehmen. Ihnen wird etwas zurückgegeben, das viele schon längst vergessen glaubten.
• Psychopharmaka dürfen nur auf ärztliche Anweisung und nach umfassender Untersuchung eingenommen werden. Fragen Sie Ihren behandelnden Arzt nach Wirkungen und unerwünschten Arzneimittelwirkungen.
• Informieren Sie Ihren Arzt, wenn Sie gleichzeitig andere Medikamente einnehmen. Dies gilt besonders für Johanniskrautpräparate. Sprechen Sie eventuelle (auch frühere) Probleme mit Alkohol, Drogen, Schmerz- und Beruhigungsmitteln an.
• Halten Sie sich unbedingt an die ärztlich verschriebene Dosierung und setzen Sie die Medikamente nicht eigenmächtig ab. Sie riskieren dadurch massive gesundheitliche Konsequenzen.
• So nützlich das Internet manchmal auch ist: Speziell zum Thema Psychopharmaka findet sich im Netz eine Vielzahl an unseriösen Informationsquellen. Lassen Sie sich von Mythen, Vorurteilen oder vermeintlichen Laienberichten nicht verunsichern. Medizinisch fundierte Information garantiert Ihnen Ihr Arzt. Sie können sich mit allen Fragen vertrauensvoll an ihn wenden. Die Erfahrung zeigt: Je umfassender Patienten über ihre Erkrankung und die Therapie Bescheid wissen, desto rascher bessert sich ihre psychische Verfassung!
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