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Depression und Alkohol – Ursache oder Wirkung?

© laurent vella - Fotolia.com330.000 Menschen in Österreich gelten als alkoholabhängig. Die Dunkelziffer dürfte aber mindestens doppelt so hoch liegen. War Alkoholismus früher eine Männerdomäne, ist hierzulande mittlerweile etwa ein Viertel der alkoholkranken Personen weiblichen Geschlechts. Alkoholkranke Menschen leiden häufig an Depressionen. Welcher Zusammenhang besteht zwischen diesen beiden Krankheiten?

Zwei Beispiele: Alkoholbedingte Depression...


Der Kfz-Mechaniker Gerhard F., 43, geht zum Arzt, weil er schlecht schläft, das Interesse an seiner Umwelt verloren hat und sich nicht mehr richtig freuen kann. Der Hausarzt diagnostiziert eine Depression und verordnet ein stimmungsaufhellendes Medikament. Weil sich der Zustand von Gerhard F. dadurch nicht bessert, überweist ihn der Hausarzt zum Psychiater. Dort berichtet der Mechaniker in einem ausführlichen Gespräch, "schon länger etwas mehr" zu trinken. In Wahrheit ist Gerhard F. jedoch alkoholabhängig. Weil Gerhard, wie viele Betroffene, sich für seinen Alkoholkonsum schämt, gibt er nur ungern zu, schon seit zehn Jahren bis zu acht Bier am Tag zu trinken. Seit zwei Jahren habe sich seine Trinkmenge sogar auf zehn bis 15 Bier und einige Schnäpse täglich erhöht. Wenn er nichts trinke, so gesteht er, leide er an Entzugserscheinungen. Als Gründe für das Trinken nennt Gerhard F. Stress in der Arbeit und Streit in der Familie. Gerhards Depression ist ohne Zweifel die Folge seiner Alkoholabhängigkeit.

...oder Trinken als Depressionsfolge?


Anders liegt der Fall bei der 32-jährigen Sabine K. Sie leidet seit mehreren Monaten an einer Depression, da es in ihrer Ehe kriselt. Solange Sabine glücklich verheiratet war, hatte sie keine Probleme mit dem Alkohol. Bei Einladungen trank sie ein Glas Wein, aber nicht mehr. Doch in den letzten Wochen ertappt sich Sabine K. immer öfter dabei, dass sie abends, wenn sie allein ist, das eine oder andere Glas Sekt trinkt. Durch die Wirkung des Alkohols, so sagt sie, komme sie etwas zur Ruhe und schlafe besser ein. Mit Hilfe des Sekts könne sie ein wenig ihre Sorgen vergessen. Weil sich Sabines Alkoholkonsum inzwischen auf eine Flasche Sekt pro Tag gesteigert hat, befürchtet sie, eine Alkoholikerin zu werden. Und das nicht zu Unrecht.

Ein Teufelskreis


Forscher beschäftigen sich intensiv mit der Frage, wie Alkoholkrankheit und Depression zusammenhängen. Die früher geltende Theorie, wonach diese beiden Krankheiten genetisch verwandt sind und gemeinsam vererbt werden, wird angesichts neuerer Forschungen (Adoptionsstudien) in Frage gestellt. Heute geht man davon aus, dass die eine Krankheit die Folge der anderen ist. Doch welche Krankheit zuerst da war, die Alkoholkrankheit oder die Depression, lässt sich in der Praxis oft nur schwer entscheiden. Denn zu schnell schließt sich der Teufelskreis aus Trinken, Scham und Depression. Auf Grund wissenschaftlicher Studien glauben die Forscher, dass die depressiven Symptome bei Alkoholkranken meist die Folge des jahrelangen Alkoholmissbrauchs sind (sekundäre Depressionen). In diesem Fall muss zuerst die Alkoholabhängigkeit behandelt werden.

Behandlungsformen


So auch bei Gerhard F. Nach einem Beratungsgespräch entschließt er sich zu einer Alkohol-Entwöhnungstherapie in einer Suchtfachklinik. Zuvor muss er für zwei Wochen zur "Entgiftung" in ein Krankenhaus, wo der Alkohol unter ärztlicher Kontrolle abgesetzt wird. Bereits nach wenigen Wochen ohne Alkohol zeigt Gerhard F. keine depressiven Symptome mehr.
Im Gegensatz zu Gerhard F. litt Sabine K. bereits an einer Depression, bevor sie zu trinken begann. Die spannungslösende Wirkung des Alkohols hilft ihr zwar, die Sorgen zumindest für kurze Zeit zu vergessen. Doch auf lange Sicht verschlimmert sich dadurch ihre Depression. Wie viele andere Frauen setzt Sabine K. Alkohol also gleichsam als "Medikament" ein. Der Griff zur Flasche hilft den Betroffenen kurzfristig, mit ihren Ängsten, Verstimmungen oder Schmerzen besser umgehen zu können. Durch physiologische Gegebenheiten wie langsameren Alkoholabbau und raschere Schädigung der Organe ist übermäßiger Alkoholkonsum für Frauen besonders schädlich.
Gut, dass Sabine K. ihr Alkoholproblem erkannt hat und frühzeitig zu ihrem Arzt gegangen ist. Dieser rät zu einer Psychotherapie und verordnet ein Antidepressivum, das zugleich eine schlafanstoßende Wirkung besitzt. Auf Sekt oder andere Alkoholika verzichtet Sabine K. in Zukunft.

Ursache oft schwer feststellbar


Ob bei einem Patienten eine alkoholbedingte Depression vorliegt oder das Trinken Folge der Depression ist, lässt sich oft schwer feststellen. Hat sich der Betroffene bereits an den Alkohol gewöhnt, besitzt die Entzugsbehandlung Vorrang vor anderen Therapiemaßnahmen. Viele Alkoholkranke müssen bereits zu Beginn der Therapie mit Antidepressiva behandelt werden, vor allem dann, wenn sie an Suizid denken. Entscheidend für den Erfolg der Behandlung ist, dass die Betroffenen ihre Scham überwinden und sich rechtzeitig einem Arzt anvertrauen. Nur so lässt sich der Teufelskreis von Alkohol und Depression durchbrechen.


Letzte Aktualisierung: Juli 2011


Weiterführende Links:
»   Wo finde ich Hilfe?
»   Antidepressiva
»   Psychotherapie
»   Alkoholismus (www.netdoktor.at)



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